Artikel im Schwarzbuch Wald


(Artikel erschienen im BUND-Schwarzbuch Wald, 2009)

Schwerwiegende Versäumnisse

Im Naturschutzgebiet (Zone 2) geschlagenes und auf der Trasse durch die nutzungsfreie Kernzone transportiertes Holz.

Im Naturschutzgebiet (Zone 2) geschlagenes und auf der Trasse durch die nutzungsfreie Kernzone transportiertes Holz.

Bundesland: Brandenburg
Landkreis: Dahme-Spreewald
Waldbesitzart: Staatswald/Landeswald
Verantwortlich für Bewirtschaftung: Amt für Forstwirtschaft Lübben (jetzt: Landesbetrieb Forst Brandenburg– Betriebsteil Lübben) – Oberförsterei Krausnick
Zeitraum: Januar 2008

Tatbestand:
Verstoß gegen Bundesnaturschutzgesetz, Biosphärenreservatsverordnung und gegen Prinzipien einer ordnungsgemäßen und vorbildlichen Waldbewirtschaftung (LWaldG) mit unpfleglicher Holzernte und Holzrücken sowie massiven Bodenschäden

Details: Im Januar 2008 fand auf einer als Totalreservat ausgewiesenen Landeswaldfläche des NSG Innerer Unterspreewald, welches Teil des UNESCO-Biosphärenreservates Spreewald ist, eine Hiebsmaßnahme statt, die als schwerwiegender Verstoß gegen das Naturschutzrecht zu sehen ist. Im Revier Buchenhain wurde ein Verjüngungshieb für den Unternehmereinsatz ausgeschrieben. Dabei sollte mittels Harvestereinsatz die Holzmenge des kommenden Jahrzehnts in einem Eingriff entnommen werden, obwohl das verbindliche Forsteinrichtungswerk die Realisierung der Entnahmemenge über zwei Eingriffe vorsah. Die Maßnahme lief letztlich völlig aus dem Ruder, weil ein Fahrer des beauftragten Forstunternehmens rund 1.200 Kubikmeter Holz, meist Eschen- und Erlen-Industrieholz sowie Stammholzabschnitte, mitten in die streng geschützte Kernzone I des NSG Innerer Unterspreewald verfrachtete und lagerte. In dieser Kernzone I sind keine forstlichen Maßnahmen erlaubt und das Betreten ist nur für wissenschaftliche Zwecke oder mit Ausnahmegenehmigung erlaubt, die jedoch nicht vorlag. Darüber hinaus wurde ein hinderlicher Graben einfach verrohrt, ein anderer verfüllt. Weil der Weg zugewachsen war und nachgab, wurden entlang des Weges etwa 80 Bäume zur „Korrektur des Lichtraumprofils“ gefällt, wie es die zuständige PEFC-Auditorin nannte. Der Fahrerhinterließ meterhohe Stöcke. Reisig und Prügel legte er zur besseren Lastverteilung über den Weg, die Bildung von über einen Meter tiefen Gleisen wurde aber trotz erkennbar angelegter Bänder nicht verhindert. Daneben klagen Naturschutzgruppen vor Ort über zu hohe Nutzungen in den Naturschutzgebieten im Biosphärenreservat Spreewald. Der zuständige Leiter des damaligen Amtes für Forstwirtschaft Lübben gibt zu, dass im Revier Buchhain mit 9,9 Festmeter pro Hektar und Jahr deutlich mehr eingeschlagen wird als nachwächst (7,5 Festmeter). Die „überalterten“ Bestände im inneren Spreewald sollen abgebaut werden.

Tief verwundete Böden blieben in der Kernzone zurück.

Tief verwundete Böden blieben in der Kernzone zurück.

Kritik bzw. Rechtsverstoß: Die verbotenen Eingriffe in das Totalreservat stellen klare Verstöße gegen die Biosphärenreservatsverordnung dar. Die notwendige Ausnahmegenehmigung wurde nicht eingeholt. Bei Vergabe von Leistungen an Unternehmer ist das Amt für Forstwirtschaft für genaue Einweisung, Durchführung und laufende Kontrolle des Unternehmers zuständig. Die Vorgaben aus der Forsteinrichtung wurden missachtet (§ 26, Abs. 4 LWaldG) und die Biosphärenreservatsverordnung wurde ignoriert. Die Bodenschäden widersprechen dem Bodenschutzgesetz und dem Landeswaldgesetz (§ 4, Abs. 3, Ziff. 7, 8, 12). Die hohen Einschläge und der Abbau der Altbestände widersprechen insbesondere einer vorbildlichen und nachhaltigen Bewirtschaftung unter vorrangiger Beachtung der Schutz- und Erholungsfunktionen (§ 26, Abs. 1 LWaldG). Konsequenzen des Eigentümers, Wirtschafters bzw. der Behörden Nachdem der NABU-Kreisverband Spreewald die Vorfälle aufgedeckt hatte, wies der Leiter des damaligen Amtes für Forstwirtschaft Lübben die Vorwürfe zunächst als „überzogen und pauschalisierend“ zurück (Lausitzer Rundschau, 27.02.2008). Im Februar erstattete das Amt für Forstwirtschaft jedoch Selbstanzeige, disziplinarische Maßnahmen wurden eingeleitet, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen
die beiden Waldarbeiter beim Umweltamt des Landkreises Dahme-Spreewald eröffnet. Als direkte Konsequenz aus dem missglückten Einsatz hat die Oberförsterei Krausnick ihre PEFC-Zertifizierung verloren. Ein externer Gutachter soll nun 2009 erneut eine Zertifizierungsprüfung für den Landeswald vornehmen. Des Weiteren sind neue Handlungsanweisungen ausgegeben worden und für bestimmte Biotoptypen, wie etwa alte Laubwälder, soll
nun von der eher pauschalen 10-Jahres-Planung abgewichen werden, eine jährliche, flexiblere Planung wird angestrebt. Für die geplante Erweiterung der Totalreservate im Spreewald auf eine Gesamtfläche von drei Prozent haben sich sowohl das Biosphärenreservat als auch das Amt für Forstwirtschaft auf bestimmte Flächen geeinigt. Schlussfolgerungen bzw.

Fläche nach dem Holzeinschlag im NSG Innerer Unterspreewald (Zone 2)

Fläche nach dem Holzeinschlag im NSG Innerer Unterspreewald (Zone 2)

Forderungen des BUND: Der BUND honoriert, dass das Amt für Forstwirtschaft zumindest die Fehler im Totalreservat einräumt und Besserungen verspricht. Kritisiert wird allerdings, dass die Schäden allein mit einem Versagen der Waldarbeiter beziehungsweise des Unternehmers begründet werden. Da hier Defizite bei Planung, Durchführung und Kontrolle der Eingriffe offensichtlich sind, liegen schwerwiegende Versäumnisse in der Führung des Amtes für Forstwirtschaft beziehungsweise auf übergeordneter Ebene vor. Es wird gefordert, dass alle personellen Ebenen der Waldbewirtschaftung über die Naturschutzziele und deren Umsetzung intensiv geschult werden.
In hochrangigen Schutzgebieten (Biosphärenreservat, Naturschutzgebiet) ist die Naturschutzverwaltung vor Durchführung der Maßnahmen mit einzubeziehen. Gerade bei derart ökologisch wertvollen Flächen muss der Naturschutz Vorrang vor der forstlichen Nutzung haben. Die Ausweitung von Totalreservatsflächen beziehungsweise Neuausweisung von Flächen ohne forstliche Nutzung muss daher das erklärte Ziel sein. In bewirtschafteten Wäldern sind konkrete Ziele wie zehn Biotopbäume und 40 Festmeter Totholz pro Hektar vorzusehen und zügig umzusetzen. Da die zu „weich“ gefassten PEFC-Kriterien nicht in der Lage sind, dem Naturschutz im Wald ausreichend Rechnung zu tragen, sollten die Staatswälder daher FSC- beziehungsweise Naturland-zertifiziert werden.




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