Der Schwarzstorch (Ciconia nigra)


Schwarzstorchh bei der Futtersuche

Der Schwarzstorch ist die Leitart für die Entwicklung des inneren Spreewaldes. Er benötigt naturnahe Wälder zum Horsten und fischreiche Gewässer als Nahrungshabitate. Der Bestand der Art beträgt in Europa ca. 6000 Paare (BAUER u. BERTHOLD 1996). In Deutschland werden für 1994 ca. 300 Brutpaare (MÄDLOW u. MAYR 1996) angegeben, wobei gegenwärtig wieder fast alle Bundesländer besiedelt sind. Die Spreewaldregion ist mit 5 – 6 Brutpaaren der bedeutendste Reproduktionsraum im südlichen Brandenburg (WEINGARDT 2000). Der Schwarzstorch ist in der BRD wie in den meisten Ländern Europas gesetzlich geschützt. Er wird in der Roten Liste der BRD als vom Aussterben bedrohte Art geführt und gilt als besonders schützenswerte Art in der FFH-Richtlinie der Europäischen Union.

Habitatansprüche und Biologie
Der Schwarzstorch erreicht sein Brutgebiet Ende März und verläßt es Ende August. Er bevorzugt geschlossene Waldungen mit altem lichten Baumbestand, in deren Umgebung sich Wiesen und Gräben befinden. Die Horste werden auf hohen Bäumen errichtet, wobei die Struktur, nicht die Baumart entscheidend ist. Immer gibt es Anflugschneisen – dies können auch wenig begangene Wege und Gestelle sowie Fließe sein. Seine Nahrung besteht überwiegend aus Fischen, wobei er auch in Feuchtgebieten vorkommende kleinere Säuger, Reptilien und Amphibien nutzt. Diese findet er, meist schreitend oder lauernd, in Fließ- und Stillgewässern, seltener auf Brachen und gemähten Wiesen. Das Gelege besteht in der Regel aus drei bis fünf Eiern und wird 38 Tage bebrütet. Die Jungen können nach ca. 10 Wochen fliegen, kommen aber noch 14 Tage zur Fütterung auf den Horst (SCHRÖDER u. BURMEISTER 1974).
Im Spreewald ist von 1953 – 2000 der Bruterfolg von 157 Bruten bekannt (Abb. 7.5.3.1). Es kam zu 120 erfolgreichen Bruten mit 314 ausgeflogenen Jungvögeln. Der Bruterfolg betrug in dieser Zeit 2,0 Jungvögel je anwesendem Horstpaar bzw. 2,62 Jungvögel je erfolgreicher Brut. Die Werte liegen deutlich unter den von MÖLLER &NOTTORF (1997) für Niedersachsen ermittelten 2,36 bzw. 2,86 von 1971 – 1996 bei 465 Bruten. Die Nachwuchsraten schwanken auch beim Schwarzstorch erheblich, wobei die sogenannten Störungs- oder Erfolgsjahre im Spreewald nicht mit denen der Weißstörche korrelieren. Anlass zur Sorge gibt die ab 1990 gesunkene Zahl der ausgeflogenen Jungen je Horstpaar gesamt auf 1,3 Jungvögel (Abb.7.5.3.1.). Es bleiben ca. 40% der Bruten erfolglos! Erst die Jahre ab 1998 zeigen eine günstigere Tendenz.

Bestandssituation und Schutz
Die Abb.7.5.3.1. stellt die Bestandsentwicklung des Schwarzstorches in der Spreewaldregion dar. Während die Erhebungen durch ECKSTEIN aus dem Jahr 1907 (1909) und SCHIER-MANN aus 1928 (1930) isoliert stehen, existiert seit 1953 eine relativ komplette Datenreihe. Ursache der sinkenden Bestandszahlen Anfang der 80er Jahre war der Beginn der großen Kahlschläge im Oberspreewald. Es wurden zwar keine Horstbäume eingeschlagen, doch herrschte zur Fortpflanzungszeit im Brutgebiet ständiger Lärm (Plaschna), da das Holz mit Hubschraubern transportiert wurde. Zudem waren die an den Fließen stehengebliebenen Galerien von ca. 5o m zwar als Kulissen für den Tourismus wirksam, entsprachen aber nicht dem Anspruch eventueller Ersatzreviere für den Schwarzstorch. So sank der Bestand im Neuzaucher Hochwald innerhalb von 3 Jahren von drei auf ein Horstpaar 1982. Im inneren Unterspreewald hielten sich die zwei bis drei Brutpaare bis zur Gegenwart, allerdings sind zwei Paare an die Peripherie abgewandert. Da die Bruthorste in nicht genutzten und im Frühjahr kaum zugänglichen Totalreservaten lagen, sind Störungen durch den Menschen vermutlich nicht der Grund dafür. Erheblich zur Abwanderung der beigetragen haben dürfte vielmehr die in den letzten Jahren zu beobachtende Absenkung des Grundwasserspiegels im Randbereich des Unterspreewaldes und das damit verbundene Austrocknen ganzer Grabensysteme (VÖTT 2000). Im südlichen Oberspreewald führen Grundwasserabsenkungen durch den Bergbau zu Nahrungsengpässen (R.Möckel mdl.). Während sich früher die Nahrungsgründe mit den Brutgebieten überschnitten (G.Wollenberg), liegen diese jetzt bis zu 12 km vom Horst entfernt.
Die schleichenden Veränderungen in der Gewässerstruktur der Fließe (s. Kap. 7.4.) haben sich auch auf die Leitart Schwarzstorch ausgewirkt. Der Anteil der Fließe und Gräben, die eine Bedeutung für den Nahrungserwerb der Schwarzstörche haben, beträgt heute nur noch 2 – 3% (Abb.7.5.3.2). Die Vertiefung der Gewässer und die häufig steil ausgeprägten Uferbereiche ermöglichen es den Störchen kaum noch, darin Nahrung zu suchen. Selbst die kleineren Spreewaldfließe sind in der Regel tiefer als 50 cm, so dass der Schwarzstorch darin nicht mehr schreiten oder lauern kann. Zudem hat die Verarmung der Gewässerstrukturen im Zusammenwirken mit dem Stausystem und den fehlenden periodischen Überflutungen zu einem Rückgang der Fischfauna, der Hauptnahrung der Schwarzstörche, geführt. Nicht zuletzt kommt es in vielen Spreewaldfließen zu Störungen durch Touristenkähne und Paddler.
Gegenwärtig sind Schwarzstörche bei der Nahrungssuche daher am häufigsten in den Feuchtwiesen südöstlich von Lübben zu beobachten. Es werden insbesondere der „Polder Kockrowsberg“ und etwas seltener auch das „Kleine Gehege“ aufgesucht. Die Bedeutung dieser Gebiete als Nahrungshabitat für den Schwarzstorch stieg von 19% 1993 auf 81% 1999. Die der Nahrungsquelle Fischteiche ist dagegen von 77% 1993 auf 16% 1999 zurückgegangen.
Dass Brutpaare durch das Zurückgehen ausgedehnter Waldungen abwandern, ist belegt. Andererseits gibt es seit den 1990er Jahren auch eine Brut am Waldrand und mehrere dicht neben Bundesstraßen bzw. der Autobahn. Hierbei handelt es sich vermutlich um Umsiedlungen aus dem inneren Spreewald – bedingt durch den Rückgang sehr alter Erlenwälder und Erlen-Eschenwälder aufgrund der Wasserstandsabsenkung. Mittlerweile besiedelt der Schwarzstorch im Spreewald alle im Gebiet vorhandenen Waldtypen bis hin zu Kiefernforsten mit eingestreuten alten Stieleichen in Randlagen. Horste in Erlenbruchwäldern gibt es nicht mehr. Als Horstbäume wurden seit 1954 ermittelt: Stieleiche 20; Roterle 6; Esche 1; Flatterulme 1; Kiefer 1
Deutlich negativ wirken heute Störungen in den aktuell stärker vom Schwarzstorch frequentierten Nahrungshabitaten. Das Abfischen der Gräben in den durch Moorsackungen entstandenen Vernässungsflächen im Polder Kockrowsberg und im Kleinen Gehege ist zur Brutzeit äußerst problematisch, da aus diesen Gebieten inzwischen drei Paare ihre Nahrung beziehen. In den Teichwirtschaften wiederum sind in Schönwetterperioden ständige Erholungssuchende und Angler unterwegs. Hinzu kommt hier die ständige Kormoranbejagung: Für den Schwarzstorch – auf dem Zug intensiver Bejagung ausgesetzt – ist jeder in der Nähe abgegebene Schuß ein Grund zum Verlassen des Nahrungsgebiets. Ein Rückgang der Beobachtungen an den Teichen fischender Schwarzstörche ist belegt (s.Abb.7.5.3.2). Störungen durch forstliche Arbeiten treten dagegen in den Hintergrund. Als natürliche Verlustursache steht Verklammung nicht mehr gehuderter Jungvögel in Dauerregenperioden an erster Stelle. Verluste durch Horstkämpfe mit Zerstörung des Geleges kommen vor. Nicht nachgewiesen sind Brutverluste durch Beutegreifer wie Baummarder Martes martes, Greifvögel oder Kolkraben Corvus corax.
Der Schwarzstorch ist, begründet im Absinken der Reproduktionsrate im Untersuchungsgebiet in den 1990er Jahren und in der überaus negativen Bestandsentwicklung im nordostdeutschen Flachland (ROHDE 2000), im Spreewald eine stark bedrohte Art, die intensiven Schutzes bedarf. Um so mehr, da er eine Leitart für die Entwicklung des inneren Spreewaldes darstellt.
Für die Stabilisierung und Entwicklung der Schwarzstorchbestände im Spreewald hat insbesondere die Wiederherstellung eines optimalen Wasserhaushaltes einen sehr hohen Stellenwert. Wiedervernässung und periodischen Überflutungen der verbliebenen Auenbereiche sind dringend erforderlich. Meliorationsgräben in den vom Schwarzstorch frequentierten Bereichen (Kockrowsberg, Kleines Gehege) sind so zu bewirtschaften, dass sich hier ein stabiler Fischbestand halten kann. So sollten die Gräben nicht tiefer als 50 cm sein und besonnte Abschnitte mit Pflanzenbewuchs aufweisen, damit Kleinfische darin leben können. Neben diesen Maßnahmen zur Förderung sämtlicher möglicher Nahrungshabitate ist vor allem die Verbesserung der Gewässerstrukturen in den vom Tourismus wenig oder gar nicht beeinflußten Waldbereichen eine zwingende Notwendigkeit. Die Fließe müssen sich wieder durch Fischreichtum, flache strukturreiche Querprofile und hellen, sandigen Untergrund auszeichnen. Inmitten strukturreicher Wälder mit geeigneten Altbäumen sollte der Schwarzstorch seine ursprünglichen, optimalen Lebensbedingungen durch eine enge räumliche Verknüpfung von Nahrungs- und Bruthabitat finden. Dies setzt neben Maßnahmen zur Revitalisierung von Spreewaldfließen auch eine Anpassung der forstlichen Bewirtschaftung voraus (siehe Kap. 7.6.2.). Das Errichten von Nisthilfen ist mit Erfolg praktiziert worden, soll aber nicht die Regel werden.

Störungen am Horst konnten durch das im Spreewald seit Jahrzehnten existente Betreuungssystem weitgehend eingeschränkt werden. Auch künftig sind die Brut- und Nahrungsgebiete der Schwarzstörche im Spreewald von Anfang März bis Ende Juli störungsfrei zu halten, dafür ist es nach wie vor notwendig, bestimmte Gewässer zeitweilig für Bootsverkehr zu sperren. Die Fischteiche als wichtiges Nahrungshabitat, sind über ein naturverträgliches touristisches Wegekonzept zu beruhigen. Zur Planung und Durchführung effizienter Schutzmaßnahmen wäre es sinnvoll, weitergehende Untersuchungen zur Raum-Zeit-Nutzung des Schwarzstorches im Spreewald vorzunehmen. Dabei könnten Farbberingung und Bodentelemetrie zum Einsatz kommen. An geeigneten Horsten sollten Videoüberwachungen zur Untersuchung der Aktivitäten am Horst erfolgen. Diese könnten u.a. in den Infocentern des Biosphärenreservates Spreewald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Trotz räumlicher Verlagerungen traditioneller Brutgebiete, Verlagerung der Nahrungshabitate und schwankender Reproduktionsrate hat der Schwarzstorch in der zweiten Hälfte des 20.Jh. seinen Bestand in der Spreewaldregion auf annähernd konstantem Niveau gehalten. Er profitiert von den seit 1990 vernässten Feuchtwiesen im inneren Oberspreewald sowie von den Maßnahmen zur Beruhigung der Horstplätze. Die Siedlungsdichte betrug im Jahr 2000 0,6 BP je 100 km2 Fläche und liegt damit über dem Durchschnitt des nordostdeutschen Flachlandes (0,4 BP je 100 km2 FLADE 1994). Bei Umsetzung der empfohlenen Schutzmaßnahmen, insbesondere der Stabilisierung des Wasserhaushaltes, sollte die notwendige Erhöhung der Reproduktionsrate der Art auf das Niveau der 1970‘er Jahre möglich sein.

Danksagung
Neben den zitierten Literaturangaben wurde Material der ehemaligen Bezirksarbeitsgruppe Artenschutz Cottbus, des Landesumweltamtes Brandenburg , Abt. N, und der Kartei von Otto Piesker (Lübben), verwandt. Ab ca. 1975 kamen die Ergebnisse eigener Erhebungen und die durch Befragung der vom Landesumweltamt Brandenburg beauftragten Horstbetreuer sowie von Naturwachtmitarbeitern, Ornithologen und Revierförstern hinzu. Folgenden Personen sei hiermit gedankt:
Lutz Balke; Steffen Butzeck; Dietrich Dommain; Dr. Martin Flade; Karl-Heinz Funda; Hartmut Haupt; Thorsten Herde; Isabell Hiekel; Rainer Hill; Dr. Ullrich Köppen; Bernd Litzkow; Dr. Reinhard Möckel; Thomas Noah; Eugen Nowak; Wolfgang Nuglisch; Harald Plaschna; Dietrich Ruhle; Peter Schonert; Frank Schröder; Torsten Ryslavy; Günther Wollenberg; Peter Wuttke




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2 Kommentare to “Der Schwarzstorch (Ciconia nigra)”

  1. Elisa Spörl schrieb:

    Hallo,

    ein sehr interessanter Bericht. Ich würde mich gerne mit einigen Aspekten noch näher beschäftigen. Auf welche Quelle beziehen sich die Kapitel und Abbildungsangaben – auf „Material der ehemaligen Bezirksarbeitsgruppe Artenschutz Cottbus, des Landesumweltamtes Brandenburg , Abt. N, und der Kartei von Otto Piesker (Lübben)“? Können Sie mir sagen, wie ich an den Ausgangstext gelangen kann?

    Herzlichen Dank,
    Elisa Spörl

  2. Arnulf Weingardt schrieb:

    Hallo,

    der Originalartikel ist in Natur und Landschaft Brandenburg vom Lua erschienen.

    Mal ein bischen googeln.

    Gruß

    A.Weingardt