Der Weißstorch (Ciconia ciconia)


Weißstorchpaar auf einem Horst

Arnulf Weingardt, Mozartweg 22, 15907 Lübben

Verbreitung und Gefährdung
Nach lang anhaltendem Rückgang bis zum Ende der 1980er Jahre entwickelte sich in der BRD der Weißstorchbestand ab den 1990er Jahren positiv auf 4284 Brutpaare. 1357 davon leben in Brandenburg (KAATZ 2000), im Biosphärenreservat Spreewald 100. In ganz Europa horsten heute etwa 150.000 Paare mit positivem Bestandstrend (SCHULZ 1996).
Folgende Abkürzungen wurden im Text verwendet:
HPa – Horstpaar zur Brutzeit am Horst anwesend
HPm – Horstpaar mit ausgeflogenen Jungen
HPo – Horstpaar ohne flügge Junge
JZG – Gesamtzahl flügger Junge im Gebiet
JZa – Anzahl flügger Junge pro HPa
JZm – Anzahl flügger Junge pro HPm

Habitatansprüche und Biologie

Der Zugvogel Weißstorch erreicht den Spreewald im März und verlässt ihn im August. Er ist mit dem Menschen so vertraut, dass sich sein Lebensraum von der offenen Landschaft bis hinein in die menschlichen Siedlungen erstreckt. Seine Nahrungshabitate reichen von Teichen und Fließufern über Feuchtwiesen bis hin zu Brachen und Stoppelfeldern, denn selbst Regenwürmer, Heuschrecken und Feldmäuse nutzt der Weißstorch in größerer Zahl als Nahrung. Die durchschnittliche Zahl ausgeflogener Junge je Horstpaar (JZa) lag im Spreewald in den 1990er Jahren bei 1,91. Hervorzuheben sind die guten Brutergebnisse seit 1998 (Abb.7.5.2.2.), mit dem nur noch geringem Anteil von Horstpaaren ohne flügge Junge (Hpo).

Bestandssituation und Schutz

Die vorliegenden ältesten Bestandszahlen ergeben sich aus der Weißstorchzählung von 1934 mit 167 besetzten Horsten ( StD 5,84!). Diese aber war vermutlich nicht vollständig (GLASEWALD 1935). Denn der Kreisbeauftragte für Naturschutz in Lübben, K.Bialucha, ermittelte noch 1950 für den Kreis Lübben mit 1004km2 78 besetzte Horste (StD 7,77). Bei der nächsten Zählung im Jahre 1958 (RUTSCHKE 1961) ergaben sich für die drei Spreewaldkreise 124 Horstpaare (StD 5,52). Für 1958 bzw. 1963 liegen für Lübben detaillierte Kreislisten vor, so dass sich die Verbreitung im Gebiet des eigentlichen Spreewaldes (heutige Fläche des Biosphärenreservates Spreewald mit 475,8 km2) nachvollziehen läßt. Der Ausgangsbestand liegt 1958 (KNORRE 1961; Piesker in Litt.) bei ca.74 Horstpaaren (kompeliert) mit einer StD von 15,52, allerdings ohne genaue Angabe des Bruterfolges. Die kompelierte Jungenzahl lag bei 150 ausgeflogenen Jungen. Die Horste waren homogen über den gesamten Spreewald verteilt, auch bei Einzelgehöften im Wald. Diese Standorte verwaisten infolge des Auflassens von Wiesen und Wiederbewaldung.
Stärker noch als die geänderten Nutzungsverhältnisse wirkten sich jedoch die Melioration und die damit verbundenen Entwässerungen ab Mitte der 1960er Jahre sowie der Tod zahlloser Störche an ungesicherten 20-kV-Leitungen, die zu den neuen Schöpfwerken führten, auf den Bestand aus. Dies alles führte zum Rückgang der Population auf 67 Hpa 1984. Im Schnitt lag der Bestand im Spreewald lange bei ca.70 Hpa. Erst nach Einsetzen des Umbaues des 20 kV-Netzes (KÖHLER 1996) ab1988 begann er anzusteigen. Mit Einsetzen spezieller Horstsicherungsmaßnahmen und extensiver Formen der Landnutzung ab Anfang der 1990er Jahre setzte sich dieser Trend verstärkt fort. Seit 1996 besteht die Population im Biosphärenreservat aus ca. 100 Horstpaaren. Deren Standorte befinden sich ausschließlich in Ortslagen oder deren Nähe. So kam es im Jahr 2000 zu Konzentrationen in den folgenden Gemeinden: Burg 12; Lübbenau 9; Straupitz 8; Lübben und Schlepzig je 7 Paare. In den übrigen Orten gibt es ein bis vier Horstpaare.
Die erwähnten Hauptgefährdungen der Art im Spreewald – Entwässerungen und Stromleitungs-Unfälle – führten zum Rückgang der Reproduktion und zu einer hohen Zahl von Paaren ohne Bruterfolg, weil während der Brut- und Aufzuchtphase Altvögel an Leitungen verunglückten. Bei den natürlichen Verlustursachen steht die Verklammung der Jungvögel in Starkregenperioden an erster Stelle. Dies führte zum Beispiel 1993 zu zahlreichen Verlusten.
Heute werden im Spreewald große Teile der landwirtschaftlichen Nutzfläche entsprechend den Richtlinien des ökologischen Landbaus genutzt, zu den erforderlichen Wiedervernässungen ist es jedoch erst teilweise gekommen. Hier fehlt es am Durchsetzungswillen der dafür Verantwortlichen. Zum großen Teil gebannt dagegen sind die Gefahren durch 20-kV-Leitungen. Nach Massenunfällen in der Region Lübben im Jahr 1988 mit 41 toten Störchen begann im Einzugsbereich der damaligen Energieversorgung Calau bereits vor 1990 die schrittweise Entschärfung von gefährlichen Masten. Durch die Schutzverordnung zum Biosphärenreservat Spreewald (1990) mit dem Gebot „Freileitungen zu sichern und schrittweise zu verkabeln“ wurden diese Aktivitäten noch beschleunigt und die Zahl der Todesfälle im Biosphärenreservat ging auf ein bis zwei je Jahr zurück. Im Jahr 2000 schließlich verunglückte kein einziges Elterntier. Die weit fortgeschrittene Sicherung des Freileitungsnetzes dürfte der Grund sein, weshalb die abgelesenen beringten Brutstörche im Spreewald mit einem Durchschnittsalter von acht Jahren (Vf.) älter werden als in anderen Populationen (SCHULZ 1996). Eine weitere wichtige Schutzmaßnahme ist die Sicherung absturzgefährdeter Horste durch Metallkonstruktionen. Hierdurch werden Horstabstürze durch Zusammenbrechen der Unterlage in Starkregenperioden ausgeschlossen. Seit 1990 wurden im Spreewald und in dessen Umfeld mit finanzieller Unterstützung der Allianz Umweltstiftung, München über 100 Horsten stabilisiert.
Zusammenfassen ist also festzustellen, dass sich nach dem Rückgang der Population des Weißstorchs in den Jahren 1963 bis 1984 seit Ende der 1980er Jahre der Bestand im Spreewald durch Beseitigung der Verlustursachen erholt hat. Er liegt gegenwärtig mit etwa 100 Brutpaaren (Abb.7.5.2.1.) um 38% höher als zu Beginn der 1960er Jahre. Die Rückgänge im inneren Spreewald wegen Einstellung der Wiesennutzung wurden von den Zunahmen in den Randgebieten kompensiert. Die Reproduktionsrate hat die Werte vor der Spreewaldmelioration nicht wieder erreicht, weil die hierfür notwendige Vernässung der Landschaft noch nicht realisiert wurde. Jedoch brüteten seit 1998 mehr als 80% der Paare erfolgreich (Abb.7.5.2.2)! Mit einer Siedlungsdichte von 21,4 Horstpaaren je 100 km2 gehört der Spreewald zu den Storchenhochburgen in Deutschland.




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