Neuestes zur Kernzonenerweiterung – Schreiben an das Bundesamt für Naturschutz


Bundesamt für Naturschutz
Die Präsidentin
Frau Professor Dr. Beate Jessel
Konstantinstraße 110
53179 Bonn

13.08.2011
Betreff: Biosphärenreservat Spreewald-Ausweisung von Kernzonen
Bezug: Ihr Schreiben an das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und
Verbraucherschutz, Potsdam vom 13.07.2011

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Jessel, sehr geehrte Damen und Herren,

die anstehende Erweiterung der Kernzonen im Biosphärenreservat Spreewald bietet die einmalige Chance, den größten Schatz des Spreewaldes – die alten Laubwälder des Inneren Spreewaldes – zu bewahren.
Dabei ist der bewusste Verzicht auf Nutzung – das Zulassen von Wildnis – auch in Mitteleuropa kein Luxus, sondern eine Kulturaufgabe der menschlichen Zivilisation.
Die biologische Vielfalt bildet die Lebens- und Wirtschaftsgrundlage für den Menschen gestern, heute und in Zukunft. Ihr Schutz ist damit wichtiger Teil der Daseinsvorsorge.
Auch die Wälder im Inneren Spreewald sind Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen, die inzwischen zum Teil stark im Bestand gefährdet sind.
Leider können auch die derzeit vorhandenen Schutzgebiete im Wald die Schutzziele bzw. die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen.
Als besonders schwerwiegendes Problem für den Schutz der Artenvielfalt im Wald hat sich die unzureichende Steuerung der forstwirtschaftlichen Nutzung in den Schutzgebieten herausgestellt.
Ursache dafür ist unter anderem ein fehlendes Bewusstsein dafür, dass sich die Ziele des Naturschutzes aufgrund der tiefgreifenden Veränderung von Wäldern durch die Forstwirtschaft nicht mit normaler forstlicher Nutzung erreichen lassen.
Beispiele dafür finden sich auch im Biosphärenreservat Spreewald.
Die „Nationale Biodiversitätsstrategie“ strebt u.a. den besonderen Schutz alter Waldstandorte an.
Wie sollen sich diese Ziele im Spreewald verwirklichen lassen, wenn es in den alten Laubwäldern des Inneren Spreewaldes zu einer Entfernung von Altholzbeständen, zur Entnahme von Totholz und Habitatbäumen und zur unsachgemäßen Holzbringung kommt, eine intensive Brennholzgewinnung durch Selbstwerber stattfindet und weiterhin überhöhte Schalenwildbestände geduldet werden?

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Beate Jessel,

Sie selbst haben zu Recht darauf hingewiesen, dass es in Deutschland verschwindend wenige Wälder gibt, die älter als 140 Jahre sind und die die Zeiten unberührt vom Menschen überstanden haben.
Die nunmehr drohende Nutzungsintensivierung in den geschützten Landeswäldern des Biosphärenreservates Spreewald durch die Forstwirtschaft und die Missachtung der Ziele und Vorgaben aus dem europäischen Naturschutzrecht machen deutlich, dass die Forstwirtschaft das Prinzip der Nachhaltigkeit auf rein ökonomische bzw. holzmassenbezogene Nachhaltigkeit verkürzt.
Maschinentaugliche Wegeerschließung und der Harvester- bzw. Seilkraneinsatz machen den letzten naturnächsten Wäldern im Inneren Spreewald den Garaus.
Mit naturnaher Waldbewirtschaftung hat das nichts zu tun.
Unverständlich ist für uns, dass gerade die alten und ökologisch wertvollsten Laubwälder im Inneren Spreewald weiterhin forstwirtschaftlich genutzt werden sollen.
Dies lässt sich nach unserer Auffassung weder ökologisch noch ökonomisch rechtfertigen.
Unter dem Aspekt der Ziele der Nationalen Biodiversitätsstrategie (kurzfristig 2 % der Landesfläche Wildnis und 5 % der Waldfläche nutzungsfrei) sind wir daher der Auffassung, dass in Gebieten mit besonders naturnaher Waldausstattung und mit einem hohen Anteil von Wald in öffentlichem Eigentum diese Ziele in erster Linie erfüllt werden müssen.
Diese Aussage ist für uns zunächst unabhängig von den UNESCO-Kriterien für Biosphärenreservate und von den Förderbestimmungen eines Gewässerrand-streifenprojektes zu sehen.
Dass der NABU als Flächeneigentümer an einer Optimierung der Umsetzung von Naturschutzzielen mitwirkt, versteht sich von selbst. Der NABU nutzt seine alten Wälder im Unterspreewald genau deswegen nicht.
Es stellt sich nun aber die Frage, warum das Gewässerrandstreifenprojekt – dessen Ziel es ja ist, Instrumente und Mittel zu Verfügung zu stellen, die ein „Mehr an Naturschutz“ über freiwillige Maßnahmen hinaus zu erzielen, diesem Ziel nicht entspricht und warum es dem Biosphärenreservat Spreewald bisher nicht gelungen ist, 3 % Kernzonen auszuweisen. Fehlt der Wille???
Nicht „vermittelbar“ für uns ist in diesem Zusammenhang, dass das Land Brandenburg zwar an einem Projekt mitwirkt, aber dafür geeignete Flächen nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung stellt und stattdessen Dritte in die Pflicht nehmen will.
Kurz gesagt, der NABU KV Spreewald hat seine Flächen sicher nicht deshalb erworben, um das Land Brandenburg aus der Verantwortung zu entlassen.
Anstatt einen Lückenschluss zwischen den bestehenden Kernzonen im Unterspreewald zu realisieren und bestehende Kernzonen im Oberspreewald großräumig zu ergänzen und so diesen Wäldern erst die Möglichkeit zu geben, wirklich alt zu werden, wie vom NABU mehrfach vorgeschlagen, sollen südlich von Lübben, in zum Teil noch landwirtschaftlich nutzbaren Gebieten weitere Kernzonen eingerichtet werden, die wegen ihrer Lage außerhalb des Überflutungsraumes der Spree, sich leider niemals natürlich entwickeln werden können.
Auch die Ausweisung von kleinflächigen und isoliert gelegenen Waldflächen als Kernzone, wie zum Beispiel für das Naturschutzgebiet Kockot im Unterspreewald auf nur knapp 30 ha beabsichtigt, erscheint weder ökologisch sinnvoll, noch leistet es einen wirksamen Beitrag, die im November 2007 verabschiedete Nationale Strategie für den Erhalt der biologischen Vielfalt, in der man sich verpflichtet hat, Maßnahmen zu Sicherung der biologischen Vielfalt zu ergreifen um den Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen, umzusetzen.
Die großflächige, zusammenhängende Erweiterung der Kernzonen auf die alten und ökologisch wertvollsten Laubwälder des Inneren Spreewaldes bzw. der Verzicht auf eine forstwirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete, die fast ausschließlich im Landeseigentum stehen, ist daher unbedingt erforderlich.
Darüber hinaus entscheidend für den Erfolg der Nationalen Biodiversitätsstrategie sind klare qualitative Anforderungen für den Schutz der biologischen Vielfalt und eine entsprechende Anpassung von Bewirtschaftungsart und –Intensität.
Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch daran, dass das MAB-Nationalkomitee der Auffassung ist, dass in einem UNESCO-Biosphärenreservat als weltweite Modellregion grundsätzlich die FSC-Zertifizierung in der Waldbewirtschaftung anzustreben ist und das nach der Meinung des Bundesverfassungsgerichtes die Bewirtschaftung des Staatswaldes der Umwelt- und Erholungsfunktion des Waldes, nicht der Sicherung von Absatz und Verwertung forstwirtschaftlicher Erzeugnisse dient.
Biosphärenreservate und ein Gewässerrandstreifenprojekt im Sinne ihrer komplexen Zielsetzung erfolgreich zu managen, ist keine leichte Aufgabe. Dass es bisher nur mit mäßigem Erfolg gelungen ist, die Menschen in ein System zu integrieren, dass die Synthese von Schutz und Nutzung anstrebt, zeigen die kontroversen Debatten um das Gewässerrandstreifenprojekt und die beabsichtigte Änderung der Biosphärenreservatsverordnung.

Mit freundlichen Grüßen

Harald Schneider
1. Vorsitzender NABU KV Spreewald




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