Der NABU Spreewald e.V. arbeitet überparteilich und wird von keiner Partei finanziert.
Um den aktuellen Verlauf der Diskussion zur Umgehungsstraße darzustellen, veröffentlichen wir hier zwei Artikel der “Lausitzer Rundschau”.
Harald Schneider
Lübben 22.10.2011
Lübbener Umgehungsstraße sorgt für Konfrontationskurs
LÜBBEN „Das muss man sich sehr, sehr gut überlegen“, diesen Satz hat Anton Hofreiter (Die Grünen) am gestrigen Freitagabend in Lübben mehrmals gesagt. Gemeint war die Lübbener Umgehungsstraße, und gestützt war die Warnung des Vorsitzenden des Bundesverkehrsausschusses auf viele Argumente.
Zum Beispiel, dass der Bund wenig Geld für viele Projekte hat, dass Lübben von drei Seiten von einem massiven Bauwerk umschlossen wäre, das möglicherweise nahe Lehnigksberg auf Stelzen verlaufen müsste, dass völlig offen ist, wann die Straße gebaut und in Betrieb genommen wird, dass Acker-, Weiden- und Naturflächen verloren gingen und vieles mehr. Die rund 50 Gäste im Lübbener Spreeblick bekamen einen streckenweise launigen Einblick in das bundesdeutsche Planungswesen im Allgemeinen, die Abenteuer der Deutschen Bahn AG im Speziellen und das bayrische Biergartenwesen im Besonderen.
Als jedoch Bürgermeister Lothar Bretterbauer (CDU) mahnte: „Wir sind hier nicht im Bundestag“ und die ganz alltäglichen Probleme vor Ort mit nicht enden wollenden Holztransporten, im Stau steckenden Rettungsfahrzeugen und der Bedeutung des Status Erholungsortes für die Lübbener, die mit Tourismus ihr Geld verdienen, schilderte, prallten die Meinungen knallhart aufeinander. Touristisch wichtig sei ja nun nicht nur der Erholungsort, sondern auch der Naturraum bei Lehnigksberg, entgegnete beispielsweise Grünen-Kreisvorsitzender Andreas Rieger, und der Erholungswert werde auch geschmälert durch ein derart massives Bauwerk. Das Problem, kristallisierte sich an einigen Punkten deutlich heraus, ist der Schwerlastverkehr. Arnulf Weingardt, Lübbener und Naturschützer, wünschte sich jedenfalls inständig einen Gott, „der sagt: ,Leute, das relativ billige Massengut Holz kommt ab heute nicht mehr über die Straße, sondern über die Schiene hierher.’“
Lübben 24.10.2011
Grüne schlagen Lkw-Verbannung aus Lübben vor
LÜBBEN Es war ein Abend voller Ironie, Leidenschaft und streckenweise Bitterkeit. Bündnis 90/Die Grünen hatte Anton Hofreiter eingeladen, den Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Er sollte Lübben einmal von seiner Seite erklären, wie es um die Finanzen für Straßenbau auf Bundesebene bestellt ist.
Launig und mit bayrischen Biergarten-Anekdoten gewürzt, durchaus ironisch und mit Unterhaltungswert packte der Grünen-Abgeordnete aus dem Freistaat die Aufgabe an, ein dröges Thema wie Finanzen für Straßenbau auf Bundesebene zu erläutern.
Das Geld ist knapp und das Rohöl wird ausgehen, waren zwei der weniger überraschenden Erkenntnisse. 90 Prozent der Mobilität hänge vom Öl ab, so Hofreiter, und diese werde sich mit dem Ende des Rohstoffs dramatisch verändern.
Dieses und eine ganze Reihe weiterer Argumente zielten auf die unausgesprochene Frage ab, warum für eine Ortsumgehung von Lübben mindestens 30 Millionen Euro investiert werden sollen – ganz abgesehen vom Eingriff in die Natur. Deren Belange, machte Christian Boellert vom Naturschutzbund (Nabu) deutlich, seien bisher viel zu wenig beachtet worden. Sein stärkstes Argument: Die Querung der Spree bei Lehnigksberg stellt eine infrastrukturelle Herausforderung für das Bauwerk dar, das – wenn überhaupt – nur über Stelzen zu lösen wäre. Damit wäre eine der schönsten Ausfahrten von Lübben aus optischer Sicht für immer verändert.
Und so war die Diskussion an ihrem Dreh- und Angelpunkt angekommen: Leidet Lübben mehr, wenn es den Status Erholungsort verliert, weil die Stadt die Verkehrsbelastung durch endlose Lkw-Kolonnen und Staus nicht reduzieren kann? Oder leidet Lübben dann mehr, wenn Teile der touristischen Pfunde, mit der die Stadt wuchert, an Attraktivität verlieren? Für Grünen-Kreisvorsitzenden Andreas Rieger war das „eine Abwägungssache“.
Bürgermeister Lothar Bretterbauer (CDU) sah diesen Punkt naturgemäß ganz anders. Die Bitterkeit, die die Frage, was Lübben eigentlich vom Erholungsort habe, in ihm auslöst, war deutlich zu spüren. Denn aus Bretterbauers Sicht war die Auszeichnung als staatlich anerkannter Erholungsort für Lübben einer der wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung der Stadt, der vielen Einwohnern, ob Pensionsbetreibern oder Ladenbesitzern, wirtschaftlichen Erfolg ermöglicht.
Acht Jahre Bauzeit
Bretterbauer ließ auch nicht unerwähnt, dass die innerörtliche Ausbaualternative, auf die die Grünen abzielten, eine achtjährige Bauzeit in Lübben mit Arbeiten an neuralgischen Punkten bedeuten würde – kurz: noch mehr Stau.
Beobachter der Lübbener Stadtverordnetenversammlungen erinnerten sich daraufhin an den Schock, den diese Auskunft des damaligen Verkehrsministers ausgelöst hatte – verbunden mit der Entscheidung, jetzt die Planung für die Umgehung voranzutreiben. Es sei allerdings in speziellen Fällen möglich, formulierte Hofreiter vorsichtig, den Lkw-Verkehr komplett aus der Stadt zu verbannen. „Das muss man gut begründen, weil jeder Spediteur dagegen klagen kann.“ Auch eine Lkw-Maut auf Bundesstraßen, um den Schwerverkehr auf den Autobahnen zu konzentrieren, würde aus Grünen-Sicht helfen und ist eine langjährige Forderung ihrer Politik. Hofreiter plädierte zudem für eine gezielte Förderung von Fußgänger- und Fahrradverkehr und für kleinere Lösungen in der Stadt selbst: „Ich kann nur jedem raten, egal ob Umgehungsstraßen-Befürworter oder -Gegner, den Spatz in der Hand zu nehmen und nicht auf die Taube auf dem Dach zu hoffen.“
Von Ingvil Schirling



