Schmetterlinge im Winter

Lichtfang im winterlichen Buchenwald im Unterspreewald am 29.12.2023. © S. Fuchs
Lichtfang im winterlichen Buchenwald im Unterspreewald am 29.12.2023. © S. Fuchs

 

Während wohl die meisten Menschen die Abende zwischen Weihnachten & Neujahr im Warmen daheim verbringen, bin ich zu dieser Zeit besonders gerne draußen unterwegs.

 

Dies tue ich zwar nahezu ganzjährig in & um den Spreewald herum, um Schmetterlinge zu erfassen, aber gerade die Winterabende sind jene, an welchen es besonders still draußen ist & man die Ruhe & Natur besonders vernimmt.

 

Auch wenn ich alle Schmetterlinge mag, habe ich die artenreichere Gruppe der Nachtfalter besonders gern. Davon haben wir im Spreewald nun doch schon fast 1.000 Arten in unterschiedlicher Häufigkeit dokumentiert, während es bei den Tagfaltern etwas mehr als 100 Arten sind. Ihr seht, da klafft ein großer Spalt zwischen den Tagaktiven & Nachtaktiven Faltern, der sich aber auch weltweit so abzeichnet. In Deutschland gibt es z.B. ca. 3.200 Nachtfalter-, denen knapp 270 Tagfalterarten entgegen stehen. Aber das nur am Rande als Erwähnung. ;) 

 

Jeder Kreis kennzeichnet einen Nachtfalter, hier alles Kleine Heidelbeereulen. © S. Fuchs
Jeder Kreis kennzeichnet einen Nachtfalter, hier alles Kleine Heidelbeereulen. © S. Fuchs

 

Für die meisten Menschen gehören Schmetterlinge & Frühling/Sommer zusammen. Das aber auch im Herbst oder gar Winter viele von diesen Tieren unterwegs sind, ja sogar deren einzige Aktivitäts- & damit Lebensphase der voll ausgebildeten flugfähigen Tiere stattfindet, ist vielen nicht bewusst. Und doch ist es so.

 

Natürlich entziehen sich Nachtfalter den meisten Menschen schlicht durch ihre nächtliche & damit heimliche Lebensweise. Bei Eintritt der Dunkelheit surren sie in rasantem Flug durch die schwarze Nacht, stets auf der Suche nach einem Partner oder nach Nahrung.

 

Es wird überhaupt keine Zeit vergeudet...kurz nach dem Schlupf, der für jede Art in einem anderen, jährlich wiederkehrenden Zyklus stattfindet, wird sofort damit begonnen, ein Weibchen zu finden um sich zu verpaaren. Die Weibchen hingegen beginnen gleichfalls umgehend mit dem Aussenden von Pheromonen, einem individuellen Lockstoff, den artzugehörige Männchen durchaus noch in winzigster Molekülmenge in mehreren Kilometern Entfernung wahrnehmen & das Weibchen auffinden können.

 

Einige Wissenschaftler sind gar der Meinung, dass diese Sinneswahrnehmung der Männchen zu einem der effektivsten & perfektesten Wahrnehmungsleistungen im gesamten Reich der Lebewesen gehört. Die Notwendigkeit ohne Umschweife sofort zur “Sache“ zu kommen liegt darin begründet, dass so ein Schmetterling in jeder Sekunde seines Lebens zu Tode kommen kann. Sei es durch enen Vogel, Fledermäuse, andere Insekten, Autoscheiben, Wetterkapriolen etc. etc. Es muss einfach alles schnell gehen, um den Fortbestand der Art zu gewährleisten. Im Winter reduziert sich dieses Gefahrenpotenzial allerdings deutlich, was schon als Begründung für diese angeblich ungewöhnliche Entwicklungszeit genügt.

 

Die Kleine Heidelbeereule ist eine sehr variantenreiche Art & kann in verschiedenen Färbungen & mit diverser Musterung vorkommen. Für Laien daher kaum zu bestimmen. © S. Fuchs
Die Kleine Heidelbeereule ist eine sehr variantenreiche Art & kann in verschiedenen Färbungen & mit diverser Musterung vorkommen. Für Laien daher kaum zu bestimmen. © S. Fuchs

 

Am neuerlichen Abend, dem 29.12.23, der mit 11°C außergewöhnlich mild war, bin ich ebenfalls im Unterspreewald unterwegs & bereits beim Aufbau der Anlage wurde mir klar, dass dieser Abend erfolgreich wird, denn es sausten alsbald in der Dämmerung schon 2 Falter zügig an mir vorbei.

Ebenfalls waren viele Spinnen, kleinste Nacktschnecken & zahlreiche Pilzmücken aktiv. Auch häufig ein gutes Zeichen, dass auf eine gleichsame Aktivität der Schmetterlinge hindeutet.

 

Insgeheim hoffte ich auf eine Art, deren Name schon aufzeigt, was es mit ihr auf sich hat, nämlich dem ziemlich kräftigen & großen Schneespanner - Phigalia pilosaria. Ob es geklappt hat, ihn vor die Linse zu bekommen, könnt Ihr weiter unten lesen.... ;)

 

Ich war dann doch ziemlich überrascht, als ich einen Nachtfalter sehr zahlreich antraf, den wir in den vergangenen Jahren mit einem deutlich merkbaren NegativIndex bewertet haben, also eine Art mit deutlicher Rückgangstendenz. Es handelt sich dabei um die Kleine Heidelbeereule - Conistra vaccini. Dieser Schmetterling wurde Deutschlandweit zu einer der häufigsten Nachtfalterarten gezählt & konnte man vor 25-30 Jahren noch mit Individuenanzahlen von mehreren Hundert je Nacht vermerken. In den letzten Jahren waren es im Mittel allerdings nur noch 0-2 Tiere je Beobachtungsabend! Die Art leidet, wie so viele andere auch, am menschengemachten Lebensraumverlust, sowie der Pestizid- & Lichtverschmutzung. An diesem Abend jedoch, konnte ich erfreuliche 147 Kleine Heidelbeereulen notieren, was mich wirklich sehr gefreut hat. 

Eine große Überraschung bildete dieser Schmetterling, die Kleine Kätzcheneule, denn eigentlich sollte diese Art erst ab Ende Februar fliegen. © S. Fuchs
Eine große Überraschung bildete dieser Schmetterling, die Kleine Kätzcheneule, denn eigentlich sollte diese Art erst ab Ende Februar fliegen. © S. Fuchs

 

Weiterhin war ich nicht nur erfreut, sondern regelrecht baff, als ich eine eher unscheinbare Art fand, die eigentlich erst ab Ende Februar, Anfang März beginnt zu fliegen & musste mich deshalb nochmal bei meinen Kollegen absichern, ob es auch wirklich die Kleine Kätzcheneule - Orthosia cruda ist.

Und tatsächlich, sie ist es!

 

Ein Unding eigentlich & meiner Kenntnis nach, auch der bisher einzige Dezembernachweis überhaupt für diese Art in Brandenburg. Ihr Name deutet auch auf ihre Lebensumstände hin...Kätzcheneule. Die Nahrung nimmt dieser Schmetterling in Form von Nektar aus den Weiden- & Pappelkätzchen auf (bestäubt diese nebenbei noch) & deshalb schlüpft sie eigentlich simultan zur Blütezeit der genannten Arten, im Frühjahr. Sehr charakteristisch für diesen nicht seltenen Nahtfalter sind die unscheinbare Färbung & die abgerundeten Flügelenden. Vor einigen Jahrzehnten war die Art noch derartig häufig, dass es in manchen Jahren Kahlfraßereignisse an verschiedenen Gehölzarten wie Eiche oder Pappel gab. Das wird allerdings wohl nicht mehr geschehen, denn auch wenn die Kleine Kätzcheneule noch nicht zu den seltenen Arten gehört, sind ihre Bestände im Vergleich zu vormaligen Zeiten deutlich geschrumpft.


Aber es gab noch weitere Besonderheiten an diesem Abend....

 

Das Graue Moderholz nimmt Nahrung an einem Baumstamm auf, deutlich zu erkennen ist der Saugrüssel. Im Hintergrund steht meine Lichtanlage. © S. Fuchs
Das Graue Moderholz nimmt Nahrung an einem Baumstamm auf, deutlich zu erkennen ist der Saugrüssel. Im Hintergrund steht meine Lichtanlage. © S. Fuchs

 

Dann saß an einem der Bäume, an welchem ich eine spezielle Futterlösung zum Anlocken angebracht habe, auf einmal ein sehr großer Falter.

Die charakteristische Form der Holzeulen zeigte sich schon von Weitem. Aber das es dann diese Art ist, der wir den ganzen Spätsommer “nachgejagd“ sind, hätte ich nicht gedacht. Es handelte sich um das Graue Moderholz - Xylena exsoleta. Diese Art ist deutschlandweit extrem selten, meist überhaupt nicht vorhanden & nahezu flächendeckend in der Roten Liste auf den ersten Rängen zu finden. Nur & ausschließlich in Brandenburg gibt es diese schöne Art etwas “häufiger“ & gerade in diesem Jahr hatte sie ein überdurchschnittlich gutes Auftreten, dass wir durch die spezifische Suche an ganz vielen Orten auch dokumentiert haben. Interessant dabei ist, dass ich am 22. Februar diesen Jahres bereits ein Graues Moderholz in einem kahlen Buchenwald in der Nähe von Alt Schadow finden konnte & mi in diesem Moment noch nicht klar war, wie uns diese Art im Jahr 2023 noch beschäftigen wird. Schön, dass mich dieser Nachtfalter nun als einer der letzten auch wieder aus diesem Jahr entlässt, nachdem er als eine der Ersten im Frühjahr an meinem Köder saß.
Normalerweise müsste sie jetzt schon in ihrer Winterruhephase sitzen & ab Ende Februar/Anfang März wieder auftauchen, aber das am 29. Dezember so ein Tier aktiv ist, ist wohl ebenfalls neu für Brandenburg & für mich.

 

Der Schneespanner, eine Art die wirklich dem Winter zuzuschreiben ist. Die dicke Behaarung & frosthemmende Enzyme im Blut, lassen ihn auch bei niedrigen Temperaturen aktiv sein. © S. Fuchs
Der Schneespanner, eine Art die wirklich dem Winter zuzuschreiben ist. Die dicke Behaarung & frosthemmende Enzyme im Blut, lassen ihn auch bei niedrigen Temperaturen aktiv sein. © S. Fuchs

 

Aber ganz eigentlich ging es doch um den Schneespanner..... und siehe da, 5 Minuten bevor ich einpacken wollte, kam dann doch noch ein heller großer Schmetterling in seinem ganz typischen, langsamen Schwirrflug aus einer Baumkrone zu meinem Licht hinabgesegelt....da war er, der erste Schneespanner für diese Saison. 😍

 

Ich habe mich sehr gefreut, den Kerl notiert & wieder an einen Stamm gesetzt, wo er aufgrund seiner Färbung & Form so gut getarnt ist, dass man ihn kaum mehr entdecken kann.

 

 

Auf dem Rückweg regnete es ziemlich ergiebig. Das aber wäre nur für mich ein Problem geworden, die Nachtfalter von soeben stört solch ein Wetter überhaupt nicht. Die verkriechen sich in einer Rindenspalte oder unter trockenem Laub & warten dort, bis die Bedingungen wieder besser werden.
Gerade die Winterarten scheinen außerordentlich widerstandsfähig zu sein, denn wir hatten ja nicht nur ziemlich frostige Tage Ende November/Anfang Dezember, sondern auch kräftigen & ergiebigen Regen. All diese Kapriolen überdauern diese ansonsten so empfindlichen Tiere ohne das geringste Problem.

 

Was ihnen allerdings Probleme bereitet & das übergreifend & großflächig, sind die Zerstörung ihrer Lebensräume durch uns Menschen, seien es blütenreiche Feuchtwiesen, alte Wälder mit vielen verschiedenen Baum- & Straucharten oder einfach die Intensivierung der Nutzung der Landschaft. Das Überleben vieler Arten in seinen teils langwierigen Entwicklungsstadien (Ei, Raupe, Puppe, Imago) wird fast immer in einer der Phasen durch das Zutun der Menschen gestört.

Sei es, dass das Ei an der Futterpflanze einer der vielen Mahden zum Opfer fällt, die Raupe durch einen Pestizideinsatz vernichtet wird, die im Boden liegende Puppe durch das Umpflügen zerquetscht wird oder sich der fertige Falter bis zum Schwinden seiner letzten Kräfte, an einer der vielen unsinnigen, zahlreichen, nächtlichen Beleuchtungseinrichtungen des Menschen sprichwörtlich totfliegt!

 

P.S. Das Anlocken, “Fangen“ dieser Tiere ist von der Gesetzeslage her verboten. Wir haben Berechtigungen in Form von Ausnahmegenehmigungen, um die Bestandsentwicklungen zu dokumentieren & die Datengrundlage für z.B. die Roten Listen zu erstellen. Bitte nicht selbsttätig die Tiere anlocken. Sie Danken es Euch. 🦋

 

Alle Fotos im Text & Slider ©S. Fuchs